Stadtarrest Er hasste das einfache Leben. Er schätzte all die Vergünstigungen, die er als Leiter der Wissenschaftlichen Abteilung genoss. Warum stand er hier auf dem Balkon und fühlte sich... unvollkommen?
Er sehnte sich. Nach Dingen, die er nicht haben konnte und die er nicht haben durfte. Warum schloss er nicht mit der Vergangenheit ab, vergaß all die Dinge, die für kurze Zeit sein Herz hatten höher schlagen lassen? Warum fand er sich nicht damit ab, dass er nichts tun konnte? Er stand unter scharfer Bewachung. Auch wenn er seine Wärter nicht sehen konnte: Er wusste, dass er keinen Schritt tun konnte, ohne dass Donovan davon erfuhr. Dass er selbst, Rodney McKay, an den ausgeklügelten Sicherheits- und Überwachungssystemen mitgearbeitet hatte und maßgeblich für ihre Funktionsfähigkeit verantwortlich war, machte die Sache allerhöchstens für Außenstehende zu einer interessanten und köstlichen Anekdote. Er selbst fand das alles höchst tragisch.
Freiheit hatte ihm eigentlich nie etwas bedeutet, nicht solange er in der Lage war, zu lernen und zu forschen, zu entdecken, wie die Welt, nein, die Welten tickten. Er hatte sich monatelang, jahrelang in ein Projekt verbeißen können, hatte soziale Kontakte nie vermisst, hasste offizielle Anlässe, bei denen er sich sehen oder zur Schau stellen lassen musste: "Wir sind auf das Budget angewiesen, Dr. McKay." Er hatte es erduldet, mit einer Mischung aus Arroganz, Selbstmitleid und in dem Bewusstsein, ein heroisches Opfer zu bringen.
Jetzt, wo ihm nichts fehlte außer dem Recht und der Möglichkeit, dorthin zu gehen, wohin er wollte... wo sein Herz war... McKay schüttelte es bei diesem gefühlsduseligen Gedanken, aber es war genau das, was er empfand. Es machte ihn wütend, weil er hilflos war, es machte ihn... traurig, nicht mit den Menschen zusammensein zu können, die er als Freunde bezeichnete. Bezeichnen durfte.
Doch noch mehr als diese Freiheit vermisste er den Menschen, der verantwortlich dafür war, dass er jeden Abend - oder jede Nacht, wenn es im Labor mal wieder viel zu spät geworden war - hier stand, aufs Meer hinaussah und sich wünschte, dass er nicht gezögert hätte, dass er nicht rational argumentiert hätte, er könne innerhalb der Stadt viel mehr gegen den neuen Befehlshaber ausrichten. Für seine Entscheidung gab es gute Gründe: Schließlich war er der Einzige, der nicht verurteilt worden war. McKay war klar, dass es nichts damit zu tun hatte, dass er weniger schuldig war. Er war lediglich zu wertvoll, zu nützlich. Das hatte ihm einen Freibrief ausgestellt. Jetzt hasste er sich für seine Fähigkeiten, wünschte sich nichts mehr, als an Sheppards Seite zu sein. John Sheppard, unehrenhaft aus der Armee entlassen und für gesetzlos erklärt, weil er es gewagt hatte, gegen die neue Politik von Atlantis aufzubegehren, nicht nur mit Worten - wie McKay es tagtäglich immer noch tat, in dem Wissen, dass man einem Genie Launen nachsah, - sondern auch mit Taten.
Mittlerweile hatte Sheppard einen Status erreicht, der nichts weniger als legendär war. Das Gen ermöglichte es ihm, Donovans Pläne immer wieder zu durchkreuzen, und die Loyalität seiner Leute tat ein Übriges, den Mythos zu stärken.
McKay würde alles ertragen, um jetzt bei ihnen zu sein. Die ständige Angst, gefangengenommen zu werden, die Unannehmlichkeiten, die ein Leben auf der Flucht so mit sich brachten... All das hatte längst seinen Schrecken verloren. McKay wollte Sheppards Stimme hören, wenn er ihn damit aufzog, dass sie keine Risiken eingehen würden, um eine Lieferung Schokoriegel an sich zu bringen. Er wollte Teyla lächeln sehen, wenn sie einem Verwundeten Mut zusprach. Er wollte, dass Ronon ihm die neuesten Kampftechniken beibrachte, auch wenn dies Muskelkater über mehrere Tage bedeutete. Er wollte, dass Lorne ihm anerkennend auf die Schulter klopfte, wenn er in letzter Sekunde mit einem waghalsigen Plan aufwartete. Er wollte mit Zelenka über Sinn und Unsinn von elektronischen Insektenfallen für das Camp bei chronischer Energieknappheit streiten.
Oh ja, in seinen Träumen - McKays Interpretationen der vielen Geschichten, die ihren Weg nach Atlantis fanden - war er ein Mitglied dieser Bande, immer an der Seite von Sheppard. Und es war so richtig. Hier tat er nichts, hatte nichts bewegt. Im Gegenteil. Irgendwann würde er sich entscheiden müssen: Irgendwann würde er sich nicht mehr weigern können, sein Genie in Donovans Pläne gegen Sheppard einzubringen. Irgendwann würde er endgültig Farbe bekennen müssen. Und wenn er dann keinen Ausweg fände? Nicht fliehen könnte?
"Dr. McKay?"
Er hatte Donovan nicht kommen hören. Es war, als hätten seine Überlegungen den Mann hierher gerufen. "Was?! Reichen 17 Stunden Schinderei pro Tag nicht mehr aus? Jeder Sklave bekommt ein paar Stunden Auszeit."
"Ich kenne etliche Wissenschaftler, die dafür töten würden, Ihrer Schinderei ausgesetzt zu sein, Dr. McKay." Donovan lächelte und bei seinem Gesichtsausdruck drehte sich McKay der Magen um.
"Mag sein, die meisten davon werden allerdings Mühe haben, auch nur ansatzweise zu begreifen, was Sie von ihnen verlangen."
"Es gibt keinen Grund, mir Ihren Wert unter die Nase zu reiben. Ich bin diesmal nicht hier, um Ihnen zu drohen, Rodney. Ich darf Sie doch Rodney nennen?"
McKay schnaubte. Donovan schien sich mit dem Studium von Filmbösewichten auf seinen Posten vorbereitet zu haben. Schlimm genug, dass diese Qualifikation offenbar ausgereicht hatte, um Weir abzulösen. Doch eigentlich nicht verwunderlich, wenn sich alle irdische Intelligenz auf den Kreuzzug gegen die Ori konzentrierte. Atlantis war in die Hände von korrupten, profitgeilen--
"Ich wollte Ihnen nur die gute Nachricht persönlich übermitteln. Das IOA hat endlich eingesehen, dass ich mehr Unterstützung brauche, um Sheppard zur Strecke zu bringen. Verstärkung ist endlich auf dem Weg."
"Woher in aller Welt--"
"Das IOA hat... investiert. Bei der entsprechenden Bezahlung finden sich durchaus noch fähige, sozusagen kampffähige Männer und Frauen, die bereit sind, sich einer guten Sache zu verpflichten."
Söldner. McKay lief ein Schauer über den Rücken.
Donovan lachte und McKay wurde klar, dass er seine Gefühle nicht hatte verbergen können. " Unser aller Leben wird wesentlich einfacher sein, wenn Sheppard beseitigt ist. Auch das Ihre, Dr. McKay."
Im nächsten Augenblick war McKay wieder allein. Es wurde Zeit, dass er ein neues Projekt begann: die Flucht aus Atlantis. Er wollte dahin, wo er für etwas kämpfen konnte, an das er glaubte. Wollte dahin, wo er hingehörte. Wo sein Herz war.
Nachtrag: Komm mir bloß nicht einer auf die Idee, Weir wäre Maid Marian und müsste aus irgendeinem Kerker befreit werden. Der Tag, an dem ich Sparky schreibe... *g*
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May 17 2007, 10:30:15 UTC 5 years ago
Rodney hast du sehr gut dargestellt. Es mag zwar so wirken als hätte er den Weg des geringsten Widerstandes gewählt, indem er gemeinsame Sache mit den Obermuftis macht, aber es schmerzt ihn, nicht bei seinen Freunden und besonders bei John zu sein. Und die relative Sicherheit, die er geniesst, wiegt die Sehnsucht und Einsamkeit nicht auf. Diesen Rodney kann ich absolut sehen. :-)
Komm mir bloß nicht einer auf die Idee, Weir wäre Maid Marian und müsste aus irgendeinem Kerker befreit werden.
LOL! Das ist wohl so ziemlich das Letzte, worauf ich gekommen wäre.
Eine winzige Kleinigkeit: Was mich etwas irritiert hat war, dass du die Story nicht AU gekennzeichnet hast. Also, ich habe zu Beginn immer überlegt wie und wo Rodneys Gedanken in den Serien-Canon passen. Hätte ich gewusst, dass es sich um AU handelt, wäre ich mit ganz anderen Erwartungen (keinen, was den canon angeht *g*) an die Story rangegangen.
May 21 2007, 11:05:12 UTC 5 years ago
Habe ich korrigiert. Ich bin davon ausgegangen, dass sich dass durch die Challenge erklärt. Im Nachhinein wird mir klar, dass "Alternativen" auch zum Inhalt passt! *faceplant*
LOL! Das ist wohl so ziemlich das Letzte, worauf ich gekommen wäre.
Ich wollte nur sichergehen! :)
Diesen Rodney kann ich absolut sehen. :-)
Danke - ein wundervolles Kompliment! Ich muss sagen, er schrieb sich wie von selbst! :)
Da möchte ich doch bitte, bitte unbedingt mehr von lesen.
Wirst du. Ich muss mich etwas in Recherche stürzen, um den optimalen Zeitpunkt für das AU (also den Zeitpunkt, an dem die Geschichte AU wird) zu finden, denn am Samstag hat mich ein Riesenplotdodo für diese Storyline angesprungen. :)
Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren! :)
May 17 2007, 14:41:06 UTC 5 years ago
May 17 2007, 14:43:36 UTC 5 years ago
Ich brauche ihn gar nicht zu kennen!! *lol*
Ich muss ganz ehrlich sagen, für ein AU ist es mir ein bisschen zu kurz. Da sind ja fast mehr Fragen als Antworten am Ende! *g*
May 21 2007, 11:08:36 UTC 5 years ago
Oder ich hätte klarer denken können. *g*
Ich muss ganz ehrlich sagen, für ein AU ist es mir ein bisschen zu kurz. Da sind ja fast mehr Fragen als Antworten am Ende! *g*
Du hast vollkommen Recht, mir geht es ebenso. Ich wollte nur die Challenge-Deadline nicht verpassen. *g* Das AU ist in extensiver Planung!
Lieben Dank für dein Feedback! :)
May 23 2007, 05:40:50 UTC 5 years ago
Das klingt gut!!
May 24 2007, 04:50:05 UTC 5 years ago
Du schaffst es wunderbar, Rodneys Verzweiflung und Frustration durchklingen zu lassen. Auch Donovan kommt glaubhaft rüber.
Komm mir bloß nicht einer auf die Idee, Weir wäre Maid Marian und müsste aus irgendeinem Kerker befreit werden. Der Tag, an dem ich Sparky schreibe... *g*
So sehr, wie du Weir liebst???? *g*
June 7 2007, 18:45:44 UTC 4 years ago
Was soll ich sagen? Ich kann halt nichts an ihrem Charakter finden.
Vielen Dank für dein Feedback. Und ich muss unbedingt mit der Recherche anfangen! :)
June 5 2007, 08:44:44 UTC 4 years ago
Gefällt mir gut, der Ansatz und wie Du Rodney beschreibst. Das Team Shep als Rebellen hat echt eine Menge für sich und verspricht eine spannende Story zu werden. Wenn das in deinem groß angelegte AU so weiter geht, kann ich sogar die McShep-Ansätze überlesen und einfach eine gute Story genießen :-)
June 7 2007, 18:47:23 UTC 4 years ago